Wann ist der richtige Zeitpunkt einer Euthanasie?
- Gabriela Burri
- 17. Juli
- 4 Min. Lesezeit
Was würden wir wohl dafür tun, dass unsere geliebten Tiere selber entscheiden könnten, wann sie diese Erde verlassen. Wenn sie eines Tages nach einem erfüllten, langen und gesunden Leben einfach friedlich einschlafen könnten.

Wir wünschen es uns so sehr – für unser Tier, aber wenn wir ehrlich sind, auch für uns. Niemand geht leichtfertig mit so einer Entscheidung um. Viele empfinden es als die schwerste Entscheidung überhaupt, und das kann sehr belastend sein. Leider müssen wir diese Entscheidung öfter treffen, als uns lieb ist. Denn dass ein Tier eines natürlichen Todes und ohne langen Leidensweg von ganz alleine stirbt, ist selten.
Das oberste Gebot: Kein Tier leiden lassen
Gemäss Tierschutzgesetz gibt es ein oberstes Gebot: Kranke oder verletzte Tiere dürfen wir nicht leiden lassen. Es ist unsere Pflicht, etwas gegen dieses Leiden zu unternehmen. Und jedem, der ein Herz für Tiere hat, ist dies wohl klar. Doch wie merken wir, ob oder wie sehr unser Tier leidet? Können seine Schmerzen mit einer Therapie in Schach gehalten werden? Hat es einfach nur mal einen schlechten Tag oder nimmt die Krankheit und der Schmerz überhand?
Schlimme Krankheiten können auch junge Tiere betreffen. Umgekehrt bedeutet es nicht, dass ein altes Tier automatisch leidet – selbst wenn das Aufstehen vielleicht mittlerweile hin und wieder etwas schwerer fällt oder die Spaziergänge nicht mehr ganz so lange dauern müssen. Entscheidend ist immer und in jedem Fall, ob und wie sehr das Tier leidet. Dazu sind seine Schmerzen und seine Würde zu betrachten, unabhängig von seinem Alter.
Lebensfreude erkennen: Worauf du achten kannst
Rund um das Treffen dieser Entscheidung begegnen uns viele Fragen, die uns niemand mit einer einfachen, klaren Aussage beantworten kann.
Aber es gibt Anzeichen und gewisse Hinweise, auf die man achten kann. Auch wenn nicht immer ganz klar ist, wie stark die Schmerzen sind (es gibt im Übrigen Tiere, die wahre Meister darin sind, ihre Schmerzen zu verbergen), so kannst du in der Regel immer beurteilen, ob dein Tier grundsätzlich noch Freude am Leben hat. Ist es aufgestellt, freut es sich, dich zu sehen, spielt es zwischendurch, frisst und trinkt es noch gerne? Du kennst dein Tier am besten. Vertraue darauf, dass du einschätzen kannst, ob noch Lebensfreude da ist. Vertraue darauf, dass du merkst, wann es so weit ist.
Fakten statt Bauchgefühl: Die Lebensqualität-Skala
Nichtsdestotrotz solltest du dich, sobald du merkst, dass dein Tier Schmerzen haben könnte, von deinem Tierarzt beraten lassen. Da es sich jedoch auch beim Tierarzt nur um eine Momentaufnahme handelt, ist es empfehlenswert, neben der tierärztlichen Betreuung parallel ein Tagebuch zu führen – zum Beispiel in Form einer Lebensqualität-Skala. Dank der Untersuchung in einer Praxis und deinen täglichen Einschätzungen kann dich dein Tierarzt beraten, ob eine Therapie sinnvoll und möglich ist, um die Lebensqualität aufrechtzuerhalten, oder ob eine Erlösung das Beste für das Tier ist.
Die Lebensqualität-Skala, die dir kostenlos als PDF auf unserer Website zur Verfügung steht, ist ein Dokument, in dem du täglich vermerken kannst, wie es deinem Tier geht. Du führst quasi Tagebuch. In der Skala vergibst du Punkte, je nachdem, was auf dein Tier zutrifft. So wird diese Entscheidung nicht nur aus einem Bauchgefühl heraus getroffen, sondern durch Fakten belegt. Denn etwas dürfen wir nicht vergessen: Weil wir so sehr möchten, dass unsere Tiere bei uns bleiben, laufen wir Gefahr, ihre Lage zu beschönigen. Genau dafür ist die Skala da. Du siehst darin schnell, ob das Tier noch mehr gute als schlechte Tage hat.
Inzwischen gibt es verschiedene, leicht abgeänderte Formen der Lebensqualität-Skala. Die bekannteste und weltweit am häufigsten verwendete Lebensqualitätsskala für Tiere (die sogenannte HHHHHMM-Skala) stammt von Dr. Alice Villalobos. Sie sagt:
«Es geht nicht darum, das Leben zu verlängern, sondern Leiden zu verkürzen. Wenn wir unsere Tiere wirklich lieben, erkennen wir, wann es Zeit ist, sie gehen zu lassen.»
Und genau das ist der wohl grösste Liebesbeweis.
Wenn die Entscheidung feststeht: Vorausplanen oder abwarten?
Wenn die Entscheidung gefallen ist, dass eine Einschläferung unumgänglich ist – dass also das «Ob» gar nicht mehr zur Auswahl steht – ist die wohl belastendste Frage: «Wann ist der richtige Zeitpunkt?» Gibt es den richtigen Zeitpunkt überhaupt für etwas, das sich grundsätzlich so falsch anfühlt?
Es gibt Menschen, die planen die Euthanasie mehrere Tage im Voraus. Die Entscheidung wurde auf der Grundlage von Gesprächen mit dem Tierarzt und bestenfalls mithilfe der Lebensqualität-Skala getroffen. So bleibt genügend Vorbereitungszeit, die letzten Tage mit dem Tier können noch vollends genossen werden, und man möchte keinesfalls das Risiko eingehen, das Tier leiden zu lassen.
Dann gibt es diejenigen, die auf den «Notfall» warten – es hinauszögern, bis klar ist, dass es ohne Einschläferung nicht mehr geht. Meist ist das Tier dann innerhalb weniger Stunden erlöst. Welche Variante für dich und dein Tier stimmig ist, entscheidest du ganz alleine. Es gibt hier kein Richtig und kein Falsch.
Der letzte Liebesdienst: Was Euthanasie wirklich bedeutet
Das Wort Euthanasie stammt aus dem Altgriechischen. Es setzt sich zusammen aus eu (gut/schön) und thanatos (Tod) und bedeutet wörtlich „guter oder leichter Tod“.
Vielleicht hilft es dir, wenn du die Einschläferung als genau solches betrachtest: Als ein Privileg, für unsere Tiere entscheiden zu dürfen, und ihr Leiden auf diese Weise friedlich beenden zu können.

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