Trauer ist Trauer – im Gespräch mit Stefan Heinzmann
Stefan Heinzmann hat an der Universität Luzern Theologie studiert. Aktuell arbeitet er als Pfarreiseelsorger im Pastoralraum Zug Berg, gestaltet Gottesdienste und Beerdigungen.
Zu seiner Arbeit gehört es, Menschen zu begleiten. Er hat ein offenes Ohr für das, was die Menschen, die zu ihm kommen, gerade beschäftigt oder belastet. Wir wollten im Interview von ihm wissen, ob und wie sich das Thema Trauer um ein Tier in seinem Berufsalltag zeigt.

Stefan, begegnet dir das Thema Trauer um ein Tier im Alltag beziehungsweise hast du Berührungspunkte mit diesem Thema?
Stefan: Ja, als ich noch Religionsunterricht gegeben habe, sind immer wieder Haustiere von Kindern gestorben. Davon haben sie mir dann erzählt. Auch jetzt betreue ich Familien, die teilweise Haustiere haben. Wenn ich mit ihnen spreche, bekomme ich natürlich auch mit, wenn es einem Haustier nicht gut geht oder wenn eines gestorben ist. Der drohende Verlust des eigenen Haustiers ist dann ein grosses Thema.
Wieso wird das Thema Trauer um ein Tier deiner Meinung nach in der heutigen Gesellschaft oft noch unterschätzt oder manchmal vielleicht sogar fast belächelt? Oder nimmst du das gar nicht so wahr?
Stefan: Was ich wahrnehme, ist, dass die Trauer um ein Tier sehr tief sein und lange dauern kann. Gerade bei Kindern, Jugendlichen oder auch bei älteren Menschen. Von daher kann ich nicht verstehen, dass Trauer um ein Tier noch immer ein gesellschaftliches Tabu ist. Ich kann mir diesen Mangel an Empathie nicht erklären.
Was macht es mit einem Menschen, wenn seine Trauer um sein Tier nicht anerkannt wird?
Stefan: Das Gleiche wie bei der Trauer um einen Menschen. Es geht um ein Lebewesen, das man geliebt hat, mit dem man Zeit verbracht hat und um das man sich gekümmert hat, vielleicht wie um ein Kind. Emotionale Tiefe ist emotionale Tiefe, egal um wen man trauert. Ich beobachte bei Menschen, die um ein Tier trauern, die gleichen Trauerprozesse wie bei Menschen, die um einen Menschen trauern. Zumindest sind sie sehr ähnlich. Manchmal jedoch gibt es auch Unterschiede.
Welche Unterschiede kannst du als Beispiel nennen? Vielleicht auch in Bezug auf die Beziehung zum Tier: Das Tier beurteilt einen nicht. Es ist ihm egal, wie man aussieht oder was man arbeitet. Spielt das auch eine Rolle?
Stefan: Kann sein. Tiefgreifende Verletzungen beispielsweise bekommt man meist von Menschen. Negative Prägungen, zu denen es im Zusammenleben mit Menschen auch kommen kann, ergeben sich beim Zusammenleben mit Tieren kaum. Die Trauer um einen Menschen kann manchmal auch ambivalent sein. Auch andere Gefühle wie z. B. Wut oder Enttäuschung können mit der Trauer mitschwingen.
Muss oder kann man Trauer vergleichen oder rechtfertigen?
Stefan: Trauer ist Trauer. Es kommt schlussendlich nicht darauf an, worum man trauert. Man kann auch um eine Pflanze trauern. Selbst das habe ich bereits erlebt: Menschen haben eine Pflanze gehegt und gepflegt und sind tief traurig, wenn sie eingeht. Auch weil Pflanzen, so glaube ich, symbolisch für etwas stehen können. Sie können eine Erinnerung an jemanden verkörpern, von dem man sie bekommen hat. Wenn eine solche Pflanze eingeht, erinnert das an gewisse Dinge, die vielleicht ebenfalls zu Ende gegangen oder nicht mehr so sind. Das alles kann angesichts einer sterbenden Pflanze hochkommen. Deshalb würde ich davon absehen, Trauer zu vergleichen oder zu rechtfertigen.
Können sich Verluste auch kumulieren? Das heisst, kann ein früherer Verlust die Trauer bei einem aktuellen Verlust noch verstärken?
Stefan: Ich habe einmal einen Mann begleitet, dessen Frau gestorben ist. Jahre später starb der Hund. Ich hatte den Eindruck, dass bei der Trauer um seinen Hund die Trauer um seine verstorbene Frau noch einmal hochkam, noch einmal neu aufgebrochen ist.
Etwas, das der Mensch über die Jahre mitgetragen hat, und der Hund war wie ein Ventil.
Stefan: Ja, vielleicht.
Kann man Trauer richtig verarbeiten?
Stefan: Verarbeiten: Ja. Mit dem «richtig» wäre ich vorsichtig.
Wie macht man das aus deiner Sicht, wenn du eine Gebrauchsanleitung schreiben müsstest?
Stefan: Das ist so individuell wie jeder Mensch. Ich vertraue darauf, dass jeder Mensch einen inneren Kompass oder ein Gespür für sich selbst hat. Deshalb würde ich dazu raten, gut auf sich zu hören und achtsam wahrzunehmen, was man braucht, was einem gut tut oder was einem gerade nicht guttut. Dass man sich überlegt, welche Personen aus dem Freundes-, Bekannten- oder Nachbarschaftskreis jetzt hilfreich sein könnten. Und dass man die Hilfe von anderen aktiv einfordert. Dass man, wenn nötig, bereit ist, Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Hilfe in Anspruch zu nehmen kann auch heissen, sich an psychologisch geschulte Menschen oder an Seelsorgerinnen und Seelsorger zu wenden. Es kann auch bedeuten, gute Fachliteratur zu lesen. Ich weiss von jemandem, der Zugang zu einem Trauertagebuch gefunden hat. Das hat beim Verarbeiten enorm geholfen. Auch Trauercafés können sehr gute Unterstützung bieten. In der Trauerphase kann es wichtig sein – auch in aller Verletztheit und je nach eigener Möglichkeit, die «Fühler auszustrecken», nach dem was einem jetzt helfen könnte, mit dem Verlust umzugehen.
Eine Frau, die früh ihren Mann verloren hat, sagte mir: Zeit heile tatsächlich Wunden. Anfangs tat es furchtbar weh, und sie fühlte sich wie in einem Loch. Nach und nach verblasste jedoch der stechende Schmerz der Trauer. Sie vermisst ihren Mann immer noch. Die Trauer ist jedoch nicht mehr das dominierende Gefühl, dass alles andere im Alltag überdeckt. Sie freut sich wieder an ihrem Leben, ist aktiv. Es brauchte Zeit, aber der Schmerz trat immer mehr in den Hintergrund.
Es ist wichtig, die Trauer voll und ganz zuzulassen und auf der anderen Seite herauszufinden, was man nun tun kann, um sich wieder dem Leben zuzuwenden.
Ich persönlich bin überzeugt, dass Tiere eine Seele haben. Was bedeutet für dich Seele? Oder wie würdest du das jemandem erklären, der vielleicht nicht religiös ist?
Stefan: Ich kann nicht sagen, was Seele ist. Doch ich bekomme immer wieder eine Ahnung davon, was Seele sein kann, wenn ich jemandem in die Augen schaue, sei es einem Menschen oder einem Tier. Manchmal gibt es diese tiefen Momente, in denen man irgendetwas im Gegenüber spürt: eine unauslotbare Tiefe. Dieses Erahnen, dieses Gefühl und diese Ahnung von der unauslotbaren Tiefe des Gegenübers kommen für mich der Seele am nächsten.
Eine sehr schöne Beschreibung.
Stefan: Ich hoffe und glaube, dass jeder Mensch ab und zu solche Momente erleben kann, in denen er solches spürt. Vielleicht ist es auch ein Staunen in einer Begegnung oder in einem Gespräch. Oder man merkt plötzlich, dass man vom Gegenüber tief verstanden wird, und dann verbindet man sich vielleicht auf eine ganz besondere Weise. Von «Seele zu Seele», was immer das ist.
Es gibt die Vorstellung, dass man das Lebewesen nach dem Tod irgendwann wiedersieht. Wie findest du das? Ist das einfach ein tröstlicher Gedanke oder hast du das Gefühl, da könnte wirklich etwas dahinterstecken?
Stefan: Wenn einem Menschen dieser Gedanke hilft, dann ist er gut. Alles, was hilft, nachhaltig hilft und einem Menschen nachhaltig Trost spendet, ist gut.
Nach einem Verlust kommt schnell einmal die Frage auf: Wieso musste das passieren oder hätte ich vielleicht etwas anderes tun können? Gerade bei einem Tier ist es oft so, dass man für das Tier entscheiden muss, wenn man es einschläfern lässt. Beim Menschen ist das nicht der Fall. Das löst Schuldgefühle aus: Habe ich zu früh entschieden, habe ich zu spät entschieden, wieso musste ich diese Entscheidung überhaupt treffen? Was denkst du, gibt es auf solche Fragen eine Antwort?
Stefan: Ob man ein Tier einschläfern soll, gehört wohl zu den schwersten Entscheidungen im Leben eines Tierhalters. Gewisse wollen dem Tier Leid ersparen und entscheiden sich relativ früh dafür, andere zögern, weil es ihnen schwerfällt, loszulassen. Für mich als Seelsorger stellt sich bei Schuldgefühlen die Frage: Was liegt hinter dem Schuldgefühl? Was nährt es? Und kenne ich dieses Schuldgefühl vielleicht aus anderen, früheren Situationen? Vielleicht stösst man dann plötzlich darauf, dass das eigene Schuldgefühl gar nicht so viel mit dem Tier zu tun hat, sondern vielleicht auch ein Lebensthema ist.
Kennst du Situationen, in denen gut gemeinte Sätze wie «Es hat alles einen Sinn» oder «Es hat so sein müssen» einem Menschen eher wehtun, als dass sie helfen?
Stefan: Solche Sätze sind in der Regel sehr schwierig, wenn sie von aussen kommen. Sie verletzen und überfordern mehr, als dass sie helfen würden. Etwas anderes ist es, wenn ein Mensch den Tod des Tiers für sich persönlich in einen grösseren Sinnzusammenhang einbetten kann. Wenn jemand ganz persönlich für sich zum Schluss kommt, dass es einen tieferen Sinn hat, kann das sehr tröstlich sein.
Manchmal spürt man bereits vor dem Tod beziehungsweise vor dem Abschied eines Tieres Trauer, beispielsweise bei einer unheilbaren Krankheit. Wie gelingt es, die verbleibende Zeit noch zu geniessen und gleichzeitig mit dieser Trauer, die ja schon da ist, umzugehen?
Stefan: Das ist sehr ähnlich wie bei einem Menschen. Wie nutzt man die Zeit oder wie möchte man die Zeit gestalten, die einem mit dem Menschen oder dem Tier noch bleibt? Wahrscheinlich gibt es auch dafür kein Rezept. Manche setzen sich vielleicht hin und überlegen sich, wie bei einem Menschen, was sie noch machen und erledigen möchten. Manche planen bereits, ebenfalls wie bei einem Menschen, die Abschiedsfeier, die Zeit danach und so weiter. Ich glaube, es ist wichtig, auch hier die hochkommenden Emotionen nach Möglichkeit einfach zuzulassen. Auch wenn man weinen muss. Es kann einem das Herz zerreissen, wenn der Hund oder die Katze neben einem liegt und man merkt, dass es zu Ende geht. Es führt wohl auch hier kein weg drum rum, auf sich selbst zu hören und wahrzunehmen, was in einem geschieht, welche Emotionen und Gefühle da sind.
Die Menschen haben schon seit Ewigkeiten Rituale entwickelt, um mit Tod und Abschied umzugehen. Was denkst du, wieso brauchen wir diese Rituale?
Stefan: Das ist eine sehr gute Frage. Rituale schaffen einerseits etwas Sichtbares, etwas sinnlich Wahrnehmbares und wir Menschen brauchen sinnlich Wahrnehmbares. Rituale verweisen aber immer auch auf eine andere, tiefere Dimension des Lebens, nenne sie, wie du willst. Ich nenne sie eine spirituelle, geistige, geistliche oder göttliche Dimension. So wie ich es wahrnehme, besteht bei vielen Menschen einerseits ein Grundbedürfnis nach dem Haptischen oder Sinnlichen, das sehr konkret wird, und andererseits ein Bedürfnis nach dem, was man nicht sieht und was eine tiefere Sinndimension des Menschen berührt. Rituale erfüllen diese Bedürfnisse auf ihre Art.
Denkst du, dass man religiös sein muss, damit ein Ritual wirkt?
Stefan: Ich denke, es ist von Vorteil, wenn man gegenüber sinnlich wahrnehmbaren Zeichen offen ist, also gegenüber dem, was ich zuvor erwähnt habe. Und es ist von Vorteil, wenn man eine tiefere Sinndimension des Lebens nicht völlig leugnet.
Du selbst hast die Kirche nicht immer nur als stillen und ernsten Ort verstanden. Du hast auch Musik gemacht beziehungsweise selbst Schlagzeug in der Kirche gespielt. Was bedeutet Musik für dich ganz persönlich?
Stefan: Sie ist ein Elixier meines Lebens.
Denkst du, dass Musik, sei es das Hören oder das eigene Spielen, auch Gefühle ausdrücken oder bei der Trauerverarbeitung helfen kann?
Stefan: Musik kann Gefühle ausdrücken und Gefühle auslösen, beides. Einerseits, so glaube ich, kann Musik ein Gefühl oder eine Emotion ausdrücken, die da ist. Man sagt dann: Hey, wow, dieses Lied drückt genau das aus, was ich fühle. Das ist der Ausdruck.
Andererseits kann Musik vielleicht auch etwas in einem zutage fördern und auslösen, das ebenfalls da ist, aber ohne das Musikstück vielleicht gar nicht hervorgekommen wäre. Musik hat eine enorme Kraft. Ich gehe oft zu den Kühen hier im Ort, wo ich wohne. Wenn ich den Rindern rufe, die noch nicht so an Menschen gewöhnt sind, lauschen diese zwar, kommen aber nicht. Wenn ich singe, kommen sie fast immer.
Was müsste deiner Meinung nach in der Gesellschaft passieren, damit niemand mehr das Gefühl hat, sich für die Trauer um ein Tier rechtfertigen oder gar schämen zu müssen?
Stefan: Ich weiss nicht, ob ich darauf eine klare Antwort geben kann. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der die Menschen sich generell trauen, sie selbst zu sein und auch ihre verletzliche Seite zuzulassen. In diesem Sinn wünsche ich mir allgemein mehr Empathie. Diese entsteht daraus, dass Menschen gut zu sich selbst sind. Vielleicht braucht es ein Schulfach wie «Empathie»: Wie bin ich gut zu mir und zu anderen? Wie spüre ich, was meine Bedürfnisse sind? Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der mehr Menschen den Mut aufbringen, anderen zuzuhören und dann auch zu betrachten, wo in ihrer eigenen Biografie ihre Bedürfnisse nicht gestillt worden sind. Und dass sie den Mut haben und sich die Zeit nehmen, den Schmerz über all das zuzulassen, was in ihrem Leben vielleicht schiefgegangen ist, was sie verpasst oder nicht bekommen haben. Ich glaube, wenn mehr Menschen das tun würden, hätten wir automatisch eine empathischere Gesellschaft und – so glaube ich – in der Folge weniger Unverständnis oder befremdliche Reaktionen, wenn jemand um sein Tier trauert.
Was braucht ein Mensch deiner Meinung nach unmittelbar vor oder nach einem Verlust am meisten? Sind es Antworten, Aufklärung oder einfach Unterstützung?
Stefan: Das ist von Mensch zu Mensch ganz verschieden. Den einen tut es gut, ins Handeln zu kommen und aktiv zu sein. Zu planen und zu organisieren, was als Nächstes geschehen muss. Andere brauchen Menschen um sich herum, um über das Geschehene zu sprechen, es irgendwie für sich einordnen zu können. Manchen hilft es schon zu spüren, wenn jemand einfach für sie da ist und bei praktischen Dingen hilft wie zum Beispiel beim Kochen oder beim Einkaufen. Wieder andere brauchen nur Ruhe. Es kann auch von Stunde zu Stunde verschieden sein, was man gerade braucht.
Was möchtest du Menschen mitgeben, die gerade ein Tier verloren haben?
Stefan: Auch darauf kann ich keine allgemeine Antwort geben, da jeder Mensch so verschieden ist. Einem achtjährigen Jungen würde ich etwas anderes mit auf den Weg geben als einem 75-jährigen Menschen. Wenn ich versuchen müsste, eine allgemeine Antwort zu geben, wäre es vielleicht diese: keine Angst vor dem zu haben, was sich in der Zeit nach dem Verlust zeigt. So gut es geht, sollte man versuchen, die Gefühle zuzulassen, die auftauchen.


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